1.Reise von Manuela Erber, 2013

Meine ersten vier Monate in Tshumbe

Meine ersten vier Monate in Tshumbe waren nicht einfach, doch sehr erfolgreich. Ich hatte mich so gut es geht vorbereitet, viel über den Kongo in Erfahrung gebracht, viel Französisch gelernt und schon das Kindergartenprojekt ein wenig vorgeplant. Aber als ich dann im Kongo ankam, war trotzdem alles anders: Ich hatte in einem Buch schöne Fotos von Kinshasa gesehen, als ich dort ankam, war da gar nichts schön, es war dunkel und in der Nacht, es sah manchmal richtig angsteinflößend aus, nur Menschen und Lagerfeuer und Dreck, bei Tageslicht sah ich dann, wie die Menschen wirklich lebten, in welchen Slums, ein großteil der Stadt war für mich, wie Slums. Als die Reise weiterging Richtung Tshumbe war es dann schon besser, dort war es so, wie man sich Afrika eben vorstellt, Savanne, Dschungel, Lehmhütten und viele, viele Kinder, die dir zuwinken. In Tshumbe war ich zuerst mal überglücklich meine Kindergartenkinder kennen zu lernen, und begann sofort zu arbeiten, indem ich Vorbereitungen und Akitvitäten im Kindergarten machte und den Kindergärtnerinnen dabei zeigte. Leider wurde ich dann gleich in der ersten Woche extrem krank, so wie noch nie zuvor, ich wurde an mehreren Infusionen angehängt, bekam Spritzen und Medikament und musste dabei auch noch vor diesen Angst haben, da ich Afrika noch nicht kannte und nicht wusste, ob das alles steril war oder nicht. Nach diesem Vorfall, war ich fast eine Woche schwach und aß im Grunde nichts. Deshalb habe ich da sofort extrem viel abgenommen und war sehr, sehr mager geworden. Danach besuchten mich meine Kinder und ich rappelte mich wieder auf und begann dann jeden Tag die Strecke von vier Kilometern mit dem Rad in der Hitze bis zum Kindergarten zurück zu legen. Als ich dann im Kindergarten ankam, war ich schon komplett nass geschwitzt und fertig, aber dann ging die Arbeit erst richtig los. Ich sah, dass im Kongo überhaupt keine Struktur herrschte, im Kindergarten war alles von völligem Chaos geprägt, ist ja auch klar mit 32 Kindern und keiner Struktur, da ist klar, dass die Kinder viel Radau machen. So sah ich mir zuerst an, wie sie arbeiteten und was sie dokumentierten und es passte überhaupt nichts zusammen, ganz zu geschweigen vom zu spät kommen der Kindergärtnerinnen. Also legte ich einen Tagesablauf fest, führte diesen ein und die Kindergärtnerinnen mussten auch ab sofort immer pünktlich kommen. Nach und nach wurde es immer besser, die Kinder lernten besser und spielten besser und machten Gymnastik mit den Kindergärtnerinnen und mir, da nun das wichtigste aufgestellt war: eine Struktur. Auch das Zähneputzen war neu und ich brachte es zuerst den Kindern und den Kindergärtnerinnen bei, nach mehrmaligem Tun, forderte ich die Kindergärtnerinnen auf es nun selbst zu machen und schaute zu und half noch da, wo Hilfe benötigt wurde. Beim Tagesablauf war es zu Beginn sehr schwierig den Kindergärtnerinnen beizubringen, dass dieser funktionieren würde und anders war als die im Kongo, im Kongo ist es so, dass die Kindergartenkinder schon Schulstunden haben wie in der Schule, den ganzen Vormittag ohne Pause, aber in Wahrheit sieht es dann so aus, dass die Kinder sich nicht so lange konzentrieren können und deshalb nur Chaos in den Gruppenräumen herrscht und dieses Chaos wurde langsam immer weniger mit unserer Struktur. Der Kindergarten ging voran und die Kindergärtnerinnen lernten langsam, mühsam, aber schlussendlich gut.  Am Nachmittag ging ich immer die Kinder zuhause besuchen, um nach dem Rechten zu sehen und die Lebenssituationen der einzelnen Kinder herauszufinden, um ihnen so besser helfen so können. Außerdem schulte ich dann auch immer Nachmittags die Kindergärtnerinnen ein.

Einmal wurde ich zur Bildungskonferenz der ganzen Region eingeladen. Dort trafen sich allen Direktoren aus allen Schulen von weit her und auch der Bildungsoberste, der sich die Lage anschaute. Jeder musste seine Schule vorstellen und die Probleme ansprechen. Bei allen Schulen gab es Probleme: Kein Schulmaterial, keine Löhne, keine Mitarbeiter, keine gute Ausbildung, keine Schulbänke und Tische, keine Tafeln, keine Schulklassenräume, überhaupt keine Gebäude, Kinder kommen zu spät, Lehrer kommen zu spät, Kinder sind dauernd krank,….usw. Als ich unseren Kindergarten vorstellte, gab es all diese Probleme nicht, natürlich gibt es immer wieder kleine Probleme, aber dafür finden wir immer eine Lösung mit vielen guten Einfällen und jeder war überzeugt vom Projekt. Später teilten wir uns in Gruppen aus und stellten Pläne zusammen, wie man den anderen Schulen helfen kann, sodass ein besserer Standart entstehen kann. Wir hatten viele gute Ideen und ich hoffe, sie werden auch umgesetzt. Leider muss da dann auch der Staat mitspielen, da es alle staatliche Schulen sind, wobei ich glaube, dass sich dieser nicht so darum kümmert.

Mit den Eltern habe ich auch mehrere Besprechungen abgehalten und geschaut, wie ich das alles organisieren konnte, um alles funktionstüchtig zu machen, so kam die Idee mit dem Feuerholz und dem Wasser bringen, zu Beginn ging es, wie bei allen Dingen, nur schleppend voran, doch nach mehrmaligen Wiederholungen und Erklärungen, verstanden es auch die Eltern und Bezugspersonen und arbeiteten mit.

Im Kindergarten bauten wir mehrere Gebäude auf und führten den Garten weiter. Das schlimmste für mich war immer, wenn ein Kind krank war, denn das ist nicht so wie bei uns, sondern die Kinder sind dann wirklich schwer krank, meist mit Malaria und Parasiten und wenn man das nicht behandelt, kann es zum Tod führen. Deshalb brachte ich die Kinder auch immer ins Krankenhaus und zahlte alle Behandlungen und Medikamente für sie, da ich wollte, dass es ihnen gut geht und da ich Angst hatte, sie könnten sterben. Mehrere Infusionen und Bluttransfusionen musste ich mitansehen und sehen, wie die Kinder leiden. Das ist oft sehr schwer und stimmt extrem traurig, wenn plötzlich ein Kind vor dir Schüttelfrost bekommt, nichts mehr isst und nur mehr wenige rote Blutkörperchen hat. Doch es konnten immer alle kranken Kinder geheilt und behandelt werden, wenn das Geld der Paten und Spender nicht da gewesen wäre, dann wären jetzt schon viele meiner Kinder gestorben. Vielen Dank, helft bitte weiterhin unseren Kindern!

Im März machte ich dann gemeinsam mit unserem Koordinator Papa Fabien die Einschreibung für die zweite Gruppe im nächsten Kindergartenjahr. Zwei Tage lang, war die Einschreibung und Menschen konnten mit ihren Kindern kommen. Es waren extremst viele und deshalb auch extremst viel Arbeit, denn ich musste alles herausfinden: Familienverhältnisse, wie viele Geschwister, Waisenkind oder nicht, eine Unterkunft oder nicht, große Armut oder nicht, welche Krankheiten, Wohnort,….um dann die Kinder für unseren Kindergarten zu wählen. Dafür lies ich mir dann länger Zeit, sodass ich alles genau noch mehrmals durchgehen konnte und später dann entscheiden konnte.

Eine der größten Schwierigkeiten war, dass Pfarrer Onema mit mir runterging, drei Wochen blieb und mich dann völlig alleine ließ, er versprach mir dass die anderen Pfarrer, seine Freunde, auf mich schaun würden, doch plötzlich reisten auch diese ab. Also war ich als zwanzigjährige völlig allein mitten im Kongo, als einzige Weiße in einem Dorf von 40 000 Kongolesen, wobei alle von ihnen dachten, dass die Weiße die Lösung für alle Probleme hat und deshalb jeden Tag, zu jeder Tageszeit zu mir kamen und mich um Hilfe baten. Ich versuchte immer für jeden etwas Gutes zu finden und zu helfen, doch ich musste einsehen, dass ich auch nur ein, einziger Mensch war und nicht gleichzeitig allen und Tausenden helfen konnte. Manchmal ist das Leid einfach nicht so schnell vorbei. L Was manchmal auch nicht leicht zu verarbeiten für mich war, da einfach keiner für mich da war. Keiner, der meine Muttersprache spricht, keiner der die Schwierigkeiten hier versteht, so wie ich, keiner, der gleich denkt wie ich und ich alleine, die mit allen Problem fertig werden musste….

Außerdem war ich dann nicht immer gesund, eher die meiste Zeit nur krank mit Bauchschmerzen und Durchfall, Erbrechen und vieles mehr…..Doch ich arbeitete, obwohl ich meistens krank war und ich dachte ich kann nicht mehr, immer weiter. Manchmal musste ich alle 10 Minuten aufs Klo rennen und kalte Schauer überkamen mich, aber ich machte trotzdem immer weiter, dadurch dass ich so ein großes Pflichtbewusstsein habe, das manchmal gut ist und mir manchmal, wie in solchen Situationen, nicht so viel hilft.

Als Karin und Aloisia dann für drei Wochen kamen ging es mir besser, ich war trotzdem noch krank, doch Karin, die Krankenschwester brachte mir Medikamente mit und ich hatte endlich jemanden zum Reden. In diesen drei Wochen arbeiteten wir sehr viel und vor allem das Übersetzen auf französisch war für mich das Anstrengendste den ganzen Tag.

Als die beiden abreisten war ich sehr traurig, denn nun war ich wieder allein, ich dachte dann aber nicht viel drüber nach, freute mich, dass sie da waren und arbeitete weiter. Schon nach zwei oder drei Wochen nachdem sie abgereist waren erkrankte ich schwer. Es war an einem Freitag, ich arbeitete im Kindergarten und schon an diesem Tag am Vormittag ging es mir extrem schlecht, ich wusste nicht richtig was los war, aber dachte mir nicht so viel, da ich öfters Mal ein bisschen krank war. An diesem Tag transportierte ich dann noch zwei kranke Kinder auf meinem Gepäcksträger die vier Kilometer ins Krankenhaus, da beide krank waren.

Am Abend war mir dann extrem schlecht, ich wusste nicht wieso, und nahm starke Schmerztabletten, legte mich dann schlafen. Allein in meiner Hütte verbrachte ich die Nacht. Ungefähr um Mitternacht hörte die Schmerztablette auf zu wirken und mir war extremst schlecht, ich hatte starken Schüttelfrost, ich schwitzte und zitterte zugleich, so etwas hatte ich noch nie erlebt und so schlecht ging es mir noch nie im Leben. Aber ich wusste sofort, dass ich Malaria haben musste, denn ich hatte alle Anzeichen von Malaria, da ich ja inzwischen die Anzeichen von Malaria perfekt konnte, weil immer so viele Kinder krank waren. Ich war allein und hatte Angst, ich hatte Angst keine weißen Blutkörperchen mehr zu haben und diese Nacht zu sterben. Wer wusste, dass ich krank war? Keiner. Wer war hier mit mir? Keiner. Wer konnte mir helfen in der Nacht? Keiner. Ich dachte ernsthaft ich musste sterben und fing an zu weinen. Ich versuchte mehrere Menschen in Tshumbe übers Telefon zu erreichen, aber es gab keine richtige Verbindung. Dann konnte ich meine Eltern erreichen in Österreich und sagte ihnen Bescheid, ich fragte meine Mutter: „Mama, glaubst du, dass ich die Nacht heute überleben werde?“

Mein Vater war komplett fertig und meine Mutter behielt Ruhe und riet mir jetzt ruhig zu atmen und zu versuchen zu schlafen. Schlussendlich überlebte ich die Nacht, am nächsten Morgen kamen mich einige Menschen besuchen und ich sagte ihnen, dass ich einen Doktor brauchte, da ich krank war. Als der Labortest gemacht wurde, stellte sich heraus, dass ich Malaria hatte und dass ich gleichzeitig noch Amöben und andere Parasiten in meinem Bauch hatte. Ich bekam viele Medikamente und Spritzen, außerdem war ich fast dauerhaft an Infusionen angehängt. Ich aß nichts, denn wenn ich schon essen sah, wollte ich mich übergeben.

Meine Eltern kontaktierten die Versicherung, um mich abzuholen mit einem Ambulanzjet. Die Versicherung telefonierte öfters mit mir und kam dann schlussendlich drauf, dass ich im Nirgendwo war und kein Flugzeug mich abholen konnte, keiner konnte kommen um mir zu helfen. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie ein junges Mädchen wie ich, dorthin kommen konnte. Sie sagten mir, da sei nichts zum Landen und sie konnten nur einen Doktor schicken, der dann mit mir zurück fliegen würde. Ich lehnte ab und beschloss die Reise allein auf mich zu nehmen. Ich blieb noch eine Woche, organisierte gleichzeitig alles, um den Kindergarten gut zu lassen, sodass alles super weiter läuft. Dann besuchte ich noch die Kinder im Kindergarten das letzte Mal, um mich zu verabschieden, Ich tanzte mit ihnen und hatte Spaß, obwohl ich krank war. Und dann trat ich die extrem lange und schwierige Anreise nach Hause an. Es war anstrengend, doch ich bin stark und schaffte es.

Als Abschluss möchte ich sagen, dass diese Reise, die anstrengenste Reise war, die ich je machte, ich war auch noch nie im Leben richtig krank und bei dieser Reise extrem oft. Ich wurde allein gelassen und ins kalte Wasser geschmissen, wo ich mir schon manchmal dachte, warum mich alle alleine lassen. Aber jetzt, im Nachhinein denke ich mir, dass das alles unvergessliche Erfahrungen waren und ich bin froh, dass alles so war, denn so habe ich vieles gelernt, vieles herausgefunden, war auf mich alleine angewiesen und bin dadurch extrem gewachsen, stark geworden und bereichert worden. Ich weiß nun, wie sich die Menschen dort fühlen, vor allem meine Kinder, wenn sie Malaria haben und kann mich so besser in sie hineinversetzen. Ich habe mit den Menschen zusammengelebt und weiß wie sie denken und wie ihre Mentalität ist. Ich habe vieles gelernt, ich habe Armut und Leid gesehen und das hat auch mich verändert. Jeder bei uns sollte seine Chance nutzen und etwas aus seinem Leben machen, denn wir haben so ein großes Glück, dass uns gar nicht bewusst ist. Wir können uns die Armut, die auf der Welt herrscht und die in Tshumbe herrscht gar nicht vorstellen, wenn wir sie nicht gesehen haben. Jeder Mensch hat das Recht auf Liebe, Bildung und Ernährung und was kann jemand dafür wo er geboren ist?!

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