Volontärsbericht Magdalena Danzl, 2015

 

 

Losaka efula

 

Hätte mir im November 2014 jemand erklärt, dass ich im Sommer einen Monat voller Abenteuer und Erlebnisse in Afrika verbringen würde, hätte ich wohl nur ein wenig geschmunzelt. Als ich vor knapp einem Jahr Manuela zum ersten Mal über Tshumbe und den Verein Zukunft für Tshumbe erzählen hörte, hat sie in mir großes Interesse, eigentlich schon Begeisterung geweckt.

Es dauerte nicht lange und schon war nach ausgezeichneter Information über die Reise und die Mitarbeiterbedingungen, eingehenden Besprechungen über Arbeitsbereiche und –inhalte der Flug gebucht.

Meine Kernbereiche und Aufgaben  in Tshumbe sollten folgende sein:

®     Fortbildung der Kindergartenpädagoginnen und angehenden Lehrerin

®     Förderung der (Zweit-) Sprache in der Ferienwoche im Kindergarten

®     Führen der Bewerbungsgespräche für die neue Lehrerin

®     Besorgen und Austeilen der Patenbriefe und  -geschenke

®     Allgemeine Unterstützung im Kindergarten- und Arbeitsalltag

 

Ich freute mich sehr, als ich erfuhr, dass ich die meisten Aufgaben gemeinsam mit Jil Streber aus Luxemburg durchführen durfte.

Zahlreiche Fragen tauchten dann schon während der Vorbereitungen auf diesen arbeitsintensiven Monat in Tshumbe auf:

Welches Material für die Sprachförderung gibt es dort, was nehme ich dafür mit, welche Bildkarten sind zum Beispiel überhaupt geeignet? Kennen die Kinder einen Kamm, einen Wal, einen Turm,…? Wissen sie, wie ein Bus oder ein Waschbecken aussieht?

Auch das Packen war so eine Sache – möglichst wenig, damit für die Kinder und Krankenstation noch viel Platz bleibt. Mit Angelikas Tipps und Packtechnik war das schließlich aber doch ganz einfach und jedes noch so kleine Loch wurde mit verschiedensten Dingen, die bei uns ganz selbstverständlich sind (z.B. Kinderkleidung, Spielzeug, Anzündhilfe, Geschirrspülschwämme, Feuchttücher, Babynahrung), ausgestopft. Schon hier begann mein Staunen über das effiziente, systematische und ökonomische Arbeiten der Familie Erber und dieses Vereins.

 

Ende Juli startete schließlich die lange Reise und am Flughafen in München lernte ich nun endlich Jil kennen, mit der ich im kommenden Monat so einiges erleben und erfahren durfte. Zu zweit war schon die Anreise um einiges „kurzweiliger“ und angenehmer und gemeinsam wuchs unsere Neugier und Vorfreude noch weiter. Schon in Istanbul bestaunten wir nun die ersten bunten afrikanischen Stoffe, die manche Frauen trugen.

 

In Kinshasa angekommen mussten wir zunächst feststellen, dass ein Übergepäcksstück fehlte, was uns gleich in den Genuss der ziemlich aufwändigen, nervenzehrenden kongolesischen Bürokratie brachte. Später wurde mir in solchen Situationen mehr und mehr klar, warum Manuela Nerven aus Stahl besitzt…

Herzlich wurden wir von Manuela und Hans empfangen und weiter ging es mit Packen – einiges wurde verschifft, vieles musste gleich mit. Bei so vielen Dingen die in Tshumbe fehlen, ist es wirklich nicht einfach, Prioritäten zu setzen.

Die kurzen, aber intensiven Eindrücke in der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo waren sehr prägend. Kinshasa kam mir vor wie ein beißend stinkender, armer, lauter, aggressiver, gefährlicher Müllhaufen. Angesichts dessen war ich nicht böse, als wir mit Verzögerung (mit spontanen Änderungen muss man im Kongo immer rechnen) endlich weiterreisen konnten (obwohl ich hier auf der mit Schlaglöchern durchsetzten Startbahn zum ersten Mal eine Ahnung davon bekam, wie sich vielleicht Flugangst anfühlen könnte).

 

Sobald sich der zentralafrikanische Urwald in all seinen Grün-, Rot-, Braunfacetten unter uns ausbreitete, kam ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und wieder wuchsen die Vorfreude und auch die Spannung auf das, was uns in Tshumbe alles erwarten würde...

Nach der Ankunft in Lodja lernte ich wieder die harte Realität, die Allgegenwart von Armut und vom Kampf um das tägliche Überleben kennen. Menschen betteln um Geld, Essen, Wasser und reißen einem fast das Gepäck aus der Hand, nur um vielleicht für zwei, drei Minuten Arbeit und Entlohnung zu finden.

Papa Fiston, ein sehr hilfsbereiter Mann, führte uns durch Lodja und gab uns dadurch einen interessanten Einblick in das Stadtleben, den Fleischmarkt, die Tischlerarbeit, zeigte uns Diamantenhändler, feiernde Studenten, und seine Kinder (acht). Wir waren sehr betroffen, als er uns von seiner Trauer und Verzweiflung erzählte, da seine Frau vor kurzem vom Blitz getroffen wurde und gestorben ist.

Nachdem ich dann bei Gesang und Getrommel aus der nahen Kirche eingeschlafen war, ging es zeitig in der Früh im bis zur Decke hin bepackten Jeep weiter nach Tshumbe. Stundenlanges Gerüttel und eine Flussüberquerung später kamen wir durch die letzten einsamen Dörflein, die an der Sandstraße lagen. Dort liefen bereits alle Kinder winkend und schreien daher. Dazwischen bangten wir um jedes Huhn und jede Ziege auf dem Weg, da unser Fahrer Placide es nicht gerade oft für nötig befand, auf die Bremse zu steigen.

Manuela saß gegen Ende der Fahrt nur mehr grinsend auf der Rückbank und verkündete alle zehn Minuten strahlend „jetzt sama dann bald da! Des wird a Fest!“.

 

Und wirklich: in meinem ganzen Leben werde ich diesen Empfang nicht vergessen!!!

Kaum die Autotür geöffnet, wurden wir von Menschen umarmt, berührt, an der Hand gefasst, mitgezogen, umringt von tanzenden Kindern, Eltern und Großeltern. Der Eingang über dem Blechtor des Kindergartengeländes war mit Palmblättern und Blüten geschmückt und Trommler waren für uns ausgerückt. Ich traute meinen Augen und Ohren nicht und war komplett überwältigt von dieser Herzlichkeit und Freude. Es wurde getanzt und gesungen, wir wurden in eine neu für Manuela gebaute Laube geführt und konnten kaum atmen, so viele Kinder drängten sich heran, um die „Asungu“ (Weißen) berühren oder auf unserem Schoß sitzen zu können. Alle freuten sich so sehr, dass Manuela wieder zu ihnen zurückgekehrt war und besonders ihr Vater Hans wurde gefeiert und beschenkt und man dankte ihm, als Vater ihrer „Wale Wana“ (Mutter aller Kinder). Ich war überwältigt.

 

Der Tanz und die Musik in Tshumbe sind einer der Hauptbestandteile des Alltags. Ich habe gelernt, wie sehr sich die Menschen damit aufmuntern, wie sie dadurch vieles kurz vergessen oder verdrängen und wie sie damit ihre unglaubliche Lebensfreude sammeln können. Es scheint fast wie Selbsttherapie in einem Leben geprägt von Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit, Leid, Krankheit und Tod zu sein.

 

Bald lernten wir nach und nach alle Mitarbeiter kennen und konnten dann in der Kindergartenwoche gleich miterleben wie Mama Magi, Mama Sylvie, Mama Bijou, Mama Pauline, Mama Elisabeth und Mama Pauline die Kinder betreuten und lehrten. Es war so schön zu sehen, was sie alles schon von Manuela gelernt hatten und ebenso was sie sich selbst einfallen ließen und ausdachten. Der Morgenkreis, wo erzählt, vor allem aber getanzt und gesungen wurde, gefiel mir dabei besonders. Danach war ich richtig wach! In der täglichen Lernstunde wurden sehr viele wichtige Themen wie Hygiene, Arbeit, Gesundheit, Familie behandelt und Wissen vermittelt.

Jil und ich konnten dann am Nachmittag in Kleingruppen intensiv unsere Vorschläge einbringen. Die Pädagoginnen waren sehr interessiert und so wurde gespielt, gefragt, ausprobiert, erklärt, bis die Köpfe rauchten. Schnell merkte ich, dass hier Flexibilität gefragt war. Viele Fortbildungsinhalte änderte ich nach Bedarf - manches konnten sie schon sehr gut umsetzen, anderes war komplett neu und musste von A bis Z genau erklärt werden. Dabei stand ich immer wieder vor unerwarteten Herausforderungen: Da es wenig Bilder und kaum Bücher in Tshumbe gibt und die Erwachsenen daher sehr schlecht Zweidimensionales erkennen können, musste ich zum Beispiel alle Gefühlsausdrücke auf Karten für ein Kinderspiel mit den Kindergartenpädagoginnen zuerst erarbeiten und lernen. Mein Teil der Fortbildung beinhaltete vor allem Beratung zum Zweitspracherwerb, das Erlernen von vorschulischen sprachlichen Fähigkeiten wie Reimen, Anlaute erkennen, Silben unterteilen, Erzählen und ganz besonders wie die Inhalte spielerisch aufbereitet werden können. Vor- und Nachsprechen ist als Lernmethode noch stark verbreitet, wobei viele Kinder französische Wörter nachplappern, ohne den Sinn zu verstehen. Die Frauen waren sehr bemüht, daran zu arbeiten, diese neuen Methoden und Übungen einzubauen, auch wenn es für sie nicht einfach war, die alten, selbst in der Schule erlernten Arbeitsweisen zu verändern.

Nach einer intensiven Fortbildungswoche mit viel Spaß und anregenden Diskussionen sowie interessanten, augenöffnenden Bewerbungsgesprächen starteten Jil und ich mit unserer nächsten Aufgabe: die Patengeschenke. Manuela ist sehr darauf bedacht, alle Kinder gerecht und mit äußerst sinnvollen Gaben zu beschenken: Seife, Zahnbürste und Zahnpasta, Flip Flops, Teller, Tassen, Hefte, Stifte, Kübel,… In unseren  Gefilden kann man sich vielleicht nur schwer vorstellen wie sehr sich die drei-, vier-, fünfjährigen über diese bei uns so selbstverständlichen Dinge freuten. Doch zuvor mussten  diese Sachen ja erst einmal besorgt werden. Jil und ich kamen ganz schön ins Schwitzen, bis wir am Markt alles gefunden, verhandelt und gekauft hatten. Man muss sich ein kleines Labyrinth aus Gässchen und Ständen vorstellen, wo jeder Verkäufer nur zehn Tassen oder acht Löffel etc. bieten kann. Am schwierigsten war es mit den Plastikeimern, wir hatten wohl das gesamte Marktkontingent aufgekauft… Diese Vorgehensweise ist sehr sinnvoll: erstens sind in Tshumbe diese Waren um einiges günstiger als in Österreich, zweitens bleibt das Liefern erspart und drittens kurbeln alle Spender in Österreich durch Manuelas Organisation so den regionalen Markt an.

Besonders bewegt haben mich schließlich die Besuche bei den vielen Familien der Kindergartenkinder. Die Schicksale, Lebensumstände und die Armut lassen sich für mich nur schwer in Worte fassen. Viele Kinder sind Waisen, die Menschen leben, kochen, schlafen oft zu zwölft auf wenigen Quadratmetern, Kinder kümmern sich um Kinder, alles Hab und Gut lässt sich an einer Hand abzählen und die Erwachsenen arbeiten Tag für Tag im Wald oder am Feld nur dafür, um die Familie irgendwie vor dem Hungertod zu bewahren. Ich bin froh, dass ich diese Erlebnisse mit Jil teilen konnte, so hatten wir unmittelbar die Möglichkeit, viel darüber zu sprechen. Es verging in diesem Monat kein Tag, an dem nicht wenigstens ein Kind krank war oder neu erkrankte und es verging auch keine Woche, ohne von tragischen Familienschicksalen zu erfahren. Ich möchte an dieser Stelle Manuela gratulieren und meine Bewunderung aussprechen. Sie handelt schnell, verweist keinen Hilfesuchenden und weiß dennoch immer, was in ihrer Möglichkeit und der des Vereins steht!

Bei den Besuchen und Geschenksübergaben lasen wir auch die Patenbriefe vor. Alle Familien baten uns freundlich in ihre Lehmhütten, um diese zu sehen. Waren die hygienischen Zustände nicht vertretbar, so konnte man die Familien ganz einfach darauf hinweisen und ihnen erklären, warum die Sauberkeit so wichtig ist. Einige versprachen z.B. gleich die Kleidung zu waschen oder ab sofort das Wasser vor dem Trinken abzukochen (viele scheinen dies auch durch Manuelas Wissensverbreitung bereits zu machen).

Die Kinder in Tshumbe sind das Schönste von allem. Sie begleiteten uns täglich, waren stets begeistert, wenn man sich mit ihnen beschäftigte und brachten mich so oft zum Lachen.  

Während Jil und ich am Fahrrad durch ganz Tshumbe kurvten, waren Manuela und Hans so fleißig am Schulgelände, dass man Tag für Tag die Veränderungen sehen und die Freude darüber bei vielen Menschen spüren konnte. Auch bei den Männern gewann Manuela nun noch mehr an Respekt, da diese die Arbeitsplätze und die fairen Vereinbarungen am Bau sehr schätzten und Manuelas Vater Hans trug einen wesentlichen Teil dazu bei, dass der Grundstein für sauberes, genaues Arbeiten am Schulbau gelegt wurde. Viel konnten der Tischler Richard, die Bauarbeiter (z.B. beim Betonmischen) und Messen und sogar der Ingenieur von Hans Erfahrung lernen. Es war interessant zu erleben wie sich in allen Bereichen unser modernes Arbeiten und Wissen mit den altbewährten kongolesischen Methoden und der Erfahrung und Routine sowie Kraft der Menschen zu einem nicht immer einfachen, aber konstruktiven Miteinander entwickelten.

In der Zwischenzeit arbeiteten auch die Angestellten am Kindergartengelände ohne Rast: der Zaun um das Grundstück wurde verdoppelt, um noch besseren Schutz vor Einbrechern zu gewähren; Mama Aloki stellte täglich ihre Kochkünste unter Beweis; Mama Mathilde und Papa Joseph versorgten täglich kranke Kinder und Erwachsene in der Krankenstation. Unglaublich, mit welchen Schmerzen, Wunden, Fehlstellungen und anderen Leiden viele Menschen in Tshumbe und der Umgebung leben, täglich körperlich hart arbeiten und sich irgendwie durchschlagen! Und trotzdem sind viele so dankbar und herzlich und freuen sich über jede kleine Hilfe oder haben auch einfach so immer ein freundliches Wort übrig.

Zuletzt durfte ich dann auch noch eine Frau kennenlernen, die sich wie auch die anderen so sehr wünschte, dass ihr Enkelsohn in den Kindergarten aufgenommen wird. Da ich als Logopädin auch in Innsbruck an der Klinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen tätig bin, wurde ich natürlich hellhörig, als sie meinte, der kleine Junge höre nichts. Mit Jils Hilfe versuchten wir dies so gut als möglich zu überprüfen und beobachten und es bewahrheitete sich: der kleine Frack reagierte auch nicht auf die lautesten Geräusche.

Ich werde die Freude der Großmutter nicht vergessen (jubelnd kam sie angelaufen und ließ alle gesammelten Blätter fallen), als ich sie und Frack in ihrer kleinen Lehmhütte besuchte, nachdem Manuela verkündet hatte, dass sie auch dem vermutlich gehörlosen Frack die Chance auf Bildung in ihrem Kindergarten geben möchte!

 

Meine Reise in den Kongo hat mich sehr geprägt, ich kam mit Erfahrungen von unschätzbarem Wert nach Hause zurück. Ich hoffe, ich kann mir diese Eindrücke möglichst lange behalten. Es ist für mich nicht möglich, das Ungleichgewicht zwischen Tshumbe, dem Kongo und unserem Überfluss in Österreich zu verstehen, aber wir sollten unsere Möglichkeiten wenigstens schätzen und bewusst damit umgehen.

 

Ich bin so dankbar für diese Chance und möchte allen Paten sagen: Ihr könnt stolz auf eure Projekte und besonders eure Kinder in Tshumbe sein, schon jetzt zeigen sie die nachhaltigen Folgen durch Manuelas Wirken und durch die Arbeit des Vereins und machen dem Namen Zukunft für Tshumbe alle Ehre. Bitte nehmt euch auch zu Herzen, dass die Kinder und Familien mit strahlenden Augen von ihren „Mamas und Papas in Österreich“ sprechen. Ich selbst habe meinen kleinen Patensohn Frack und seine Oma fest ins Herz geschlossen.

 

Liebe Manuela, liebe Angelika und lieber Hans: Danke für euer Engagement, eure Unermüdlichkeit und eure Ausdauer, auch wenn im Kongo mal öfter etwas nicht so läuft wie geplant. Die Entwicklung in Tshumbe, das ist kein Tropfen auf dem heißen Stein – da entsteht dank euch etwas richtig Großes!

Ich ziehe den Hut vor deinem Wissen, Manuela, das du dir selbst schon angeeignet hast und das du weitergibst. Ich habe noch nie einen Menschen kennengelernt, der so viele Talente besitzt und nutzt, wie du. Bleib so stark und herzlich wie du bist!

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