Volunteer Jil Streber, 2018

Die Demokratische Republik Kongo: Paradies und humanitäres Krisengebiet – Wenn Freude und Leid so nah aneinander liegen 

Vier Tage nach meiner Rückkehr aus dem Kongo ging ich zuhause in Luxemburg über einen Jahrmarkt. Ich schaute den Kindern zu wie sie genüsslich Eis und Waffeln verzehrten, während sie ihre Eltern bereits wieder anbettelten, um eine weitere Karussellfahrt machen zu können. Dabei musste ich an den kleinen Jean aus Tshumbe denken, ein 9-jähriger Junge, den ich bereits während meines Volontariats im Jahre 2015 ins Herz geschlossen hatte. Während des heurigen Patenbesuchs wirkte Jean ungewöhnlich ruhig und schüchtern auf Manuela und mich. Auf Nachfrage hin erzählte er uns weinend er habe nichts zu essen. Es war 5 Uhr Nachmittags und er hatte an dem Tag noch nichts zu sich genommen. Während die Kinder normalerweise in der Schule „Waale Waana“ mindestens einmal am Tag eine gesunde, nahrhafte Mahlzeit bekommen, gehen die Schulferien für viele Kinder in Tshumbe mit Hungerleiden einher. Ich sah den Kindern in Luxemburg zu, welche ihre Ferien, entsprechend meiner eigenen Erfahrungen, sichtlich genossen und konnte wieder einmal nicht verstehen wie es möglich ist, dass es solche Gegensätze in unserer heutigen Welt gibt.

Doch was bedeutet es eigentlich in ein Land zu reisen, von dem ich im Verlauf meines Studiums im Bereich der humanitären Hilfe gelernt habe, dass es seit über 20 Jahren die größte humanitäre Krise weltweit darstellt. Ein Land für das mehr Hilfsgelder benötigt werden als für andere, medial teilweise weitaus besser bekannte Katastrophenländer wie beispielsweise Syrien, Jemen oder etwa Südsudan. Im Kongo benötigen aktuell 13 Millionen Menschen humanitäre Hilfe; allein 10 Millionen Menschen leiden an einer Hungersnot und in weiten Teilen des Landes herrschen bewaffnete Konflikte (https://www.acaps.org/country/drc). Zusätzlich wüten zurzeit 5 Epidemien im Kongo – Cholera, Masern, Polio, Tollwut und Ebola. In Tshumbe stellen Typhus, Malaria und Tuberkulose überdies zurzeit die größten medizinischen Herausforderungen dar.

Zum zweiten Mal verbrachte ich nun einen Monat im Kongo; in vielem ähnelten sich die Reisen von 2015 und 2018, nichtsdestotrotz habe ich auch einige erwähnenswerte Unterschiede ausfindig machen können:

2015 bezeichnete ich meine Reise als meine schönste und schrecklichste Erfahrung bisher. Eine Beschreibung, welche aus meiner Sicht weiterhin absolut zutreffend ist. So sind es die Schicksale der Menschen, welche einem im Herzen wehtun – Kinder die nicht genug zu essen haben, häusliche Gewalt an Frauen und Kindern, Eltern welche um die Aufnahme ihrer Kinder in die Schule betteln, Menschen die verzweifelt Arbeit suchen und Patienten, die mit schweren Krankheiten viele Kilometer zu Fuß zurücklegen, um Zugang zu einer medizinischen Versorgung zu bekommen. Dies sind Erfahrungen, welche meinen ersten Aufenthalt im Kongo bereits gekennzeichnet hatten. Leider musste ich jedoch zudem feststellen, dass die politische Situation im Kongo heute eine ganz andere ist als 2015 – aufgrund der bevorstehenden Wahlen ist die Lage im Kongo, insbesondere in Kinshasa, sehr angespannt und polizeiliche und militärische Kontrollen finden verstärkt statt. Die aktuellen Spannungen lassen einen um die Zukunft der Demokratischen Republik Kongo bangen.

Andererseits war es wiederrum auch eine wunderschöne Reise. An erster Stelle muss ich hier die beeindruckenden Fortschritte der Projekte von „Zukunft für Tshumbe“ hervorheben. In den drei Jahren hat sich hier so unglaublich viel getan – der Schul- und Kindergartenbau in fester Bauweise stechen im ganzen Dorf hervor. Die Krankenstation ist noch besser ausgestattet und arbeitet noch professioneller und effizienter. Ein riesengroßer, ertragreicher Garten umgibt das Gelände. Durch den Garten können die Kinder und MitarbeiterInnen eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung erhalten und dabei zeitgleich Erfahrungen sammeln, um die eigene Versorgung mit Grundnahrungsmitteln sicherstellen zu können. Der Aufbau moderner Sanitäreinrichtungen, insbesondere der WC-Bau, ist ebenfalls beinahe abgeschlossen. Des Weiteren wurde bereits mit dem Bau einer neuen Nähwerkstätte begonnen. Diese bemerkenswerten Fortschritte in Augenschein nehmen zu dürfen war für mich eine überaus große Freude und es beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue, die Früchte der harten Arbeit von Manuela zu sehen. Persönlich kann ich jedenfalls allen Spendern von „Zukunft für Tshumbe“ beteuern, dass die Spendengelder sinnvoll und möglichst nachhaltig investiert werden.

Das Wiedersehen mit den MitarbeiterInnen sowie den Kindern, welche ich 2015 ins Herz geschlossen hatte, war ergreifend. Es hat mich berührt mit welcher Motivation und mit welchem Willen zur Veränderung sie in den Projekten mitarbeiten. Da dies meine zweite Reise nach Tshumbe war und ich dieses Mal viel besser wusste was mich erwarten würde, fiel es mir zudem viel leichter umgehend mit der Arbeit loszulegen. Ich führte Weiterbildungen mit den Lehrern und Lehrerinnen durch indem ich ihnen die neu mitgebrachten Schulbücher erklärte. Auch hier traf ich sehr interessierte Menschen vor, die es vermochten mir auf ihre Weise so einiges beizubringen. So liebte ich es beispielsweise mit ihnen zu diskutieren und mir mehr über lokale Bräuche und Glaubensvorstellungen erzählen zu lassen. Außerdem half ich Manuela bei allgemeinen Vorbereitungen für den Schulbeginn, wie zum Beispiel den Vorbereitungen der Schulhefte und der Schuluniformen. Kleine, einfache Aufgaben können in Tshumbe bereits eine große Herausforderung darstellen. So sollte ich beispielsweise einige Kopien für die Schule erledigen – eine Aufgabe die einem zunächst banal vorkommen mag, aufgrund der Knappheit an Tinte und Papier sowie Strom im Allgemeinen jedoch durchaus mit einem erheblichen Aufwand einhergehen kann. Nachmittags machte ich dann gemeinsam mit Manuela Patenbesuche bei den Kindern. Analog zu meinem Besuch im Jahr 2015 wurden hier die Patenbriefe vorgelesen und erklärt. Außerdem erhielt jedes Kind Patengeschenke (Zahnbürste, Zahnpasta, Seife, Kamm, Teller, Löffel, Tasse, Ball, Kleidung, Schuhe, Hefte, Bleistifte). Die Patenbesuche sind sehr zeitaufwendig, da Manuela bei jedem Kind einen Hausbesuch macht, um die Wohnsituation des Kindes zu überprüfen. Viele Kinder schlafen mit den Eltern und Geschwistern auf einer Palmmatte – meistens haben sie keine Matratze, keine Decke und kein Moskitonetz. Das wenige Hab und Gut der Familien lässt sich auf einer Hand abzählen. Viele Kinder sind bereits Waisen oder Halbwaisen, die während den Ferien ihren Familien bei der Arbeit helfen müssen, damit es zum Überleben ausreicht. Wie 2015, verging auch heuer kein Tag ohne tragische Familienschicksale.

Für mich war es diesmal eine besonders große Freude mein Patenkind und das meiner Oma besuchen zu können. Auf ein Neues faszinierte mich die Offenheit und Freude der Menschen, obwohl sie tagtäglich mit schwersten Bedingungen zu kämpfen haben. Die Begeisterung der Gärtnerinnen als ich ihnen ein paar T-Shirts schenkte oder die Freude einer ganzen Familie nachdem ich ihnen einen alten Koffer schenkte, welcher fortan als Kleiderschrank genutzt werden wird, werde ich nie vergessen. Auch die paar Mitbringsel für die Krankenstation, die Bücher für die Schule und das wenige Schulmaterial wurden feiernd entgegengenommen.

Eine weitere Neuheit war die morgentliche Mitarbeiterbesprechung. Wie in einem Hotelresort sitzt man hier unter Palmen und tropischer Flora und Fauna in einem Kreis inmitten des Schulgeländes. Alle MitarbeiterInnen sind anwesend um aktuelle Themen inklusive der damit einhergehenden Aufgabenverteilung zu besprechen. Besonders hervorzuheben ist hier die einmal wöchentlich stattfindende medizinische Aufklärung durch die Krankenpfleger. Abwechselnd werden unterschiedlichste Themen wie Symptome und Behandlung von Tuberkulose oder etwa die Bedeutung einer abwechslungsreichen und nahrhaften Ernährung besprochen. Ich möchte dir, liebe Manuela, für die ganze Aufklärungsarbeit gratulieren! Dadurch dass du deine ganzen MitarbeiterInnen, immerhin 50 Leute, über medizinische Vorbeugungen, Symptome und Behandlungen informierst, trägst du zur Verbesserung der medizinischen Bedingungen für die ganze Region bei. Diese wöchentliche Aufklärungsstunde kann insbesondere bei den zahlreichen Epidemien die im Kongo ausbrechen lebensrettend sein.

Schließlich gibt es noch ein weiteres heikles Themenfeld das in Tshumbe und im Kongo insgesamt noch besonders viel Aufklärungsarbeit bedarf: häusliche Gewalt an Frauen und Kindern. Leider muss man immer wieder miterleben wie auf Frauen in Tshumbe brutal und lebensbedrohend eingeschlagen wird. Oft sind es die Ehemänner, welche nicht selten mehr als eine Frau haben, die ihre Ehefrauen wegen Kleinigkeiten verprügeln. Frauen werden im Kongo auf ihre Rolle als Mutter und Hausfrau reduziert und ein funktionierendes Justizsystem, welches ihnen beiseite stehen würde, gibt es tragischerweise nicht. Im Gegenteil, nicht selten hört man im Kongo auch von Beamten, welche Frauen vergewaltigen oder schlagen. Leider kam es auch während meiner Zeit zu mehreren Fällen von Misshandlung an Frauen und Kindern. Eine Frau wurde von ihrem Mann besonders übel verprügelt und hätte Manuela nicht den Mut gehabt sich schreiend zwischen das Ehepaar zu begeben, weiß ich nicht ob die Frau heute noch am Leben wäre. Zum Glück konnte sie in der Krankenstation Hilfe bekommen und Manuela hat alles Mögliche unternommen, um den Mann zur Rechenschaft zu ziehen. Insbesondere für deine Arbeit in diesem Bereich möchte ich dir von Herzen gratulieren Manuela – du stehst allen Familien beratend zur Seite und leistest auch hier hervorragende Aufklärungsarbeit, die gewiss nicht leicht ist und sehr viel Mut bedarf. Auch gegen die Gewalt an Kindern setzt du dich ausgezeichnet durch und deine LehrerInnen wissen es die Kinder zu bestrafen ohne Prügel zu verteilen – was in Tshumbe alles andere als selbstverständlich ist.

Letztlich hatte ich das große Glück für die Hochzeit von Koordinator Papa Fabien und Köchin Mama Aloki anwesend gewesen zu sein. Eine kongolesische Hochzeit ist eine ganz besondere Erfahrung – es wird sehr viel getanzt, gesungen und gegessen. Die ganze Familie war von weit angereist und es war ein atemberaubendes Fest. Hochzeitsgeschenke sind in Tshumbe erwartungsgemäß wenig vergleichbar mit jenen in Europa – während die MitarbeiterInnen der Organisation für ein neues Wellblechdach zusammengelegt hatten, hatte ich dem jungen Ehepaar Eheringe geschenkt; eine Premiere für mich und auch für die Verkäuferin beim Juwelier in Luxemburg. Da man Eheringe in Tshumbe nicht kaufen kann, hatte Manuela mich gebeten welche zu besorgen; ein sehr besonderes Geschenk an das ich mich immer erinnern werde und eines das das Ehepaar ganz bestimmt nie vergessen wird.

Die beiden vollgepackten Wochen vergingen leider viel zu schnell und die Rückreise kam überraschend schnell. So wusste ich bis 10 Minuten vor meinem Flug nicht an welchem Tag, zu welcher Uhrzeit und von welchem Flughafen dieser losgehen würde. Ohne Sicherheitskontrolle, ohne Flugticket, ja sogar ohne das Innere vom Flughafengebäude – oder wohl eher der Flughafenlehmhütte – gesehen zu haben und mit einem stark betrunkenen russischen Piloten ging die Reise in einem ukrainischen Flugzeug aus den 60er Jahren los. Reisen innerhalb des Kongos ist immer wieder eine abenteuerliche Erfahrung, welche mit vielen Diskussionen und korrupten Beamten einhergeht und ein entsprechend ruhiges Gemüt voraussetzt. Beruflich konnte ich meine Reise im Kongo noch weitere 2 Wochen fortsetzen, bevor ich den Rückflug anschließend Anfang September, um viele neue Erfahrungen reicher, antreten durfte.

Es war eine für mich persönlich sehr wegweisende Zeit, auch wenn mein Aufenthalt in Tshumbe kurz war. Zurück in Europa ist es nicht immer leicht diese Gegensätze in der Welt zu verstehen und damit umzugehen. Die meisten Menschen hier können sich die Lebensbedingungen in einem Ort wie Tshumbe nicht vorstellen, während sie im Kongo von einem Europa träumen, das sie meist nur aus Erzählungen kennen. Blickt man auf die aktuelle Weltlage, auf die politischen Tendenzen oder auf den Weltmarkt sind Projekte wie jene von „Zukunft für Tshumbe“ wahre Hoffnungsträger und ein Beweis dafür, dass es auch anders geht, wenn man nur den Willen zur Veränderung besitzt.

An dieser Stelle möchte ich mich bei einer sehr guten Freundin und einem der beeindruckendsten Menschen die ich je kennen lernen durfte herzlichst bedanken. Manuela, du nimmst so viel auf dich und musst Nerven aus Stahl besitzen; jeden Tag umgibt dich neues Leid und neue Herausforderungen, aber du gibst nie auf und hast für alles Lösungen. Danke für alles was du für die Menschen in Tshumbe machst und für die hervorragende Planung meiner An- und Rückreise. Danke auch deiner ganzen Familie und allen ehrenamtlichen HelferInnen in Osterreich, welche diese wunderbare Arbeit ermöglichen und tatenkräftig unterstützen.

Losaka efula,

Jil

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